Skulptur

"Zeittafel"; Weisser Beton;

Sammlung Stadt Köln; 

100 x 1100 x 200 cm; 1994 


Segelplastiken als Naturale Skulpturen

Meine Windplastiken stellen auf dreifache Art ein Passepartout her:

 

- für die Natur und die Kreationen der Natur wie z. B. naturbelassene Bäume mit ihrem filigranen Geäst;

 

- für die Menschen und deren Aktionen innerhalb der begehbaren und benutzbaren Windobjekte;

 

- gleichzeitig erfährt man Skulptur nicht nur als Volumen von aussen, sondern durch be“greifen“ und beschreiten auch als erlebbaren Innenraum, als Interieur;

 

- für den Raum an sich – gemeint ist sowohl der umschlossene Raum als auch die Distanz zwischen Betrachter und Natur/Segelplastik-Objekt wie aber auch die Raumbezüge innerhalb der Naturgegebenheiten, das heisst dem Raum zwischen dem graphischen Gewebe der Zweige und dem plastischen Volumen des Stammes.

 

Was für den Naturraum gilt, erfährt man gleichermaßen auch im Bezug auf gebaute Architektur.

 

- Der Gedanke wird besonders plastisch in der Gegensätzlichkeit zwischen einer gerasterten, genormten, phantasielosen Betonfassade nebst den mit immer gleichem Rapport, wie maschinell ausgestanzt wirkenden Fensterhöhlungen unserer zeitgenössischen Architektur und dem bewegten archaischen Transparentgebilde davor, das trotz sichtbarer Zerbrechlichkeit seiner filigranen Konstruktion den Menschen Raum bietet, Schutz vor Wind und Wetter und damit sogar an diesem künstlichen, sonst jede Kommunikation fliehenden Ort zum Verweilen einlädt. Dabei ist das einzige Stückchen Natur, das die Betongiganten übrig gelassen haben, aus der Zeltkonstruktion ausgespart, um das lebenswichtige Nass ungehindert einwirken zu lassen – aber dennoch in die Windplastik mit einbezogen, allerdings zur Sichtbarmachung des gestörten Verhältnisses gebauter Architektur zur gewachsenen Natur – ironisch verfremdet worden: - zur "Natur in Aspik“. Damit die Zeitgenossen sich dessen bewusst werden, was sie noch an Naturrefugien besitzen, werden diese durch ein Passepartout, einen Rahmen sichtbar gemacht; um den Menschen zu sensibilisieren für die Folgen seines Handels, werden diese letzten Inseln durch die weißen Segelzeichen passepartoutiert, sowohl als bewegliche Grossplastik -, die, fällt das Licht von Aussen auf die Stoffbahnen, voluminös, kompakt und zeichenhaft erscheint, die jedoch transparent, bewegt und geheimnisvoll wirkt, wenn das Licht milde von Innen heraus leuchtet-, als auch als Mahnmal und Erinnerungszeichen für humanes Handeln: als NATURALE SKULPTUR.

 

Im gleichen Sinne sind auch die anderen hier gezeigten Arbeiten zu verstehen: als urbane Plastiken.

 

Die Beschreibung des mutwilligen Abrisses eines Kulturdenkmals und die künstlerische Verfremdung dieser Bestandsaufnahme dient ebenso dem Aufzeigen und Verdeutlichen sozialer Räume und Handlungen – die graphische Umsetzung gehorcht dabei den gleichen oben geschilderten Intentionen und plastischen Gesetzmässigkeiten. Auch hier wechselt formal das Großvolumige mit dem filigranen graphischen Detail und gibt Zeugnis ab von der speziellen Sehweise in meiner künstlerischen Arbeit.

 

März 1982, Dierk Engelken